Ein ausführliches Photokina-Fazit, oder: Wo geht die Reise hin?

Photokina 2014: Mit ein Paar Tagen Abstand zu unserem Photokinabesuch möchte ich versuchen, ein etwas differenzierteres Fazit über die Messe und den Entwicklungen im Photo-Bereich generell zu ziehen.

Bunte FädenErster Eindruck: Alle „großen“ Hersteller wirken irgendwie ideenlos. Schon seit Jahren gibt es immer mehr Features, aber der Fotograf hinter der Kamera wird irgendwie immer vergessen. Canon und Nikon fahren wie eh und je die gleiche Schiene: Schwerpunkt auf DSLRs, es gibt zwar spiegellose Systemkameras, diese werden aber so unattraktiv gestaltet (oder gleich nur in Asien verkauft), dass sie in der Masse keine Rolle spielen und in diesem Segment keine Gefahr für andere Hersteller sind. Für die DSLRs gilt: never change a running system! Es gibt nur minimale Verbesserungen, ein paar Megapixel mehr, das wars. Seit Jahren bekannte Bugs/Schwächen im Bedienkonzept werden nur extrem langsam behoben.

Auf der anderen Seite stehen die Hersteller der spiegellosen Kameras: Sony, Panasonic, Olympus, Samsung, Fuji. Meiner Meinung nach macht hier Fuji den besten Job. Ein mittlerweile recht gut ausgebautes System, tolle Objektive, die Kompaktheit wird recht gut ausgenutzt. Der Retro-Stil liegt nicht unbedingt jedem, aber wer primär fotografieren will, ist hier recht gut aufgehoben.

Panasonic und Samsung hingegen blasen ihre Kameras mit Features auf, bis es nicht mehr geht, darunter leidet allerdings das Bedienkonzept. So werden die Kameras zwar immer leistungsfähiger, aber auch immer umständlicher in der Benutzung. Gerade für Hobby-Fotografen, die die Kamera nicht jeden Tag nutzen, ist das natürlich ungünstig. Wer bitte merkt sich 5 programmierbare FN-Knöpfe?
Sony scheint auf breiter Front angreifen zu wollen, hier gibt es alles. Sehr interessant sind natürlich Kameras wie die A7s, aber im Grunde ist auch das ein Nischenprodukt. Gerade Sony ist auf der Hardwareseite wirklich gut aufgestellt, aber auch hier ist die Bedienung suboptimal.

Und das Konzept der per WLAN angebundenen Objektive für Smartphones ist zwar vielleicht für Drohnen interessant, aber sonst kaum benutzbar, weil das ganze System eine ewige Verzögerung hat. Da habe ich mich beim Ausprobieren gefühlt wie 2001 mit meiner allerersten Digicam…
Generell ist das Thema Benutzerfreundlichkeit offenbar nicht weit oben auf der Liste der Hersteller. Viel zu kleine Knöpfe, flimmernde Videosucher (oder, wie bei Nikons neuer D750, sogar flimmernde Sucheranzeigen in einer DSLR!) die Schwindel verursachen, keine beleuchteten Knöpfe usw. Und wieso haben fast alle Systemkameras den Sucher in der Mitte? Selbst bei einer DSLR wäre das nicht unbedingt nötig! Sowas führt nur zu verschmierten Displays…
Zweiter Eindruck: Video, speziell 4K muss sein. Da stellt sich die Frage nach dem Sinn. Für Profis kann ich mir
das vorstellen: Ton gesondert abnehmen, ein passendes Rig usw. Da ist die Kamera relativ egal. Aber als Camcorder-Ersatz im Hobby-Bereich? Allein die internen Mikrofone liefern so miese Qualität, das geht nur extern. Und wer treibt im Urlaub schon so einen Aufwand? Da zücken die Meisten sicher eher das Smartphone. Und für Facebook langt die technische Qualität, genau wie die Fotos…Was heißt das nun für Kamerakäufer?
Ich denke, ein Kamerakauf ist schon seit ein paar Jahren keine langfristige Entscheidung mehr. Die Entwicklung der Systemkameras hat nur ein paar Alternativen hinzugefügt. Man sollte sich also fragen, wofür man die Kamera primär nutzen möchte und nicht auf die Kamera warten, die alles ganz toll kann und supereinfach zu bedienen ist, die wird es nie geben. Und im Zweifelsfall erfordern Foto und Video immer noch recht unterschiedliche Hardware…